Rezension

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Mass in Blue von Will Todd

©Steffi Keilig

Was für ein großartiger Erfolg!

 

Am Samstag, 27. Oktober, 19.00 Uhr, brachte die Hanauer Kantorei die Jazz-Messe »Mass in Blue« des zeitgenössischen englischen Komponisten Will Todd zur Aufführung

 

Die Hanauer Kantorei kann auch modern

 

Die Hanauer Marienkirche füllte sich am Samstag, 27. Oktober, bereits ab kurz vor 18 Uhr allmählich. Die ersten Besucher kamen noch in den Genuss der auslaufenden Probe, die Bezirkskantor Christian Mause mit der Hanauer Kantorei, der Sopranistin Marina Herrmann und der Band, bestehend aus Thomas Gabriel am Klavier, Sven Garrecht an Saxofon und Klarinette, Simon Zimbardo an den Drums und Andreas Büschelberger am E-Bass, bis in die letzten Minuten vor der Motette durchführte.

 

Gespannte Blicke einiger Besucher belegten, dass sie eigentlich nur die Kirche besuchen wollten und bass erstaunt waren, solch eine probenmusikalische Kraft in der Kirche vorzufinden. Die meisten bereits einlaufenden Gäste kamen jedoch, um einer musikalischen Uraufführung in Hanau beizuwohnen, die ihresgleichen in der Region sucht.

 

Mit dem Ausläuten der Kirchenglocken um kurz vor 19 Uhr bewegten sich die Mitglieder der Hanauer Kantorei aus beiden Seitenschiffen durch die bis auf den letzten Platz gefüllten Zuschauerreihen und postierten sich auf dem Podest an der Stelle, wo üblicherweise der vielfunktionale Altar der Marienkirche steht. Besonderer Clou: Dem Titel der Messe Mass in Blue entsprechend trugen die Sänger und Sängerinnen und sogar Bezirkskantor Christian Mause blaue Hemden, Blusen, Tücher, Schals. Ein für die Kantorei ungewohntes, sehr heiteres und beschwingtes Bild.

©Steffi Keilig

 

Spätestens mit den ersten Tönen, die Thomas Gabriel dem Klavier entlockte, wurde jedem im Kirchenraum klar, dass es sich bei dieser Aufführung um etwas ganz Besonderes, um eine "neue" Kantorei handeln sollte. Und dieser Eindruck wurde mit jedem Takt bestätigt. Zarte, leichte, fast schwebende Läufe und Akkorde am Klavier, die allmählich von den Drums, dem E-Bass und den Blasinstrumenten ergänzt wurden, bildeten die perfekte Vorbereitung für den Einsatz des vielstimmigen Chores und des klaren, reinen und unglaublich starken und dynamisch wandlungsfähigen Soprans von Marina Herrmann.

 

Für Hanauer Publikum ungewohnt, stellte sich die Kantorei der Herausforderung, den klassischen lateinischen Messetext swingend, bluesig, frisch und modern zu interpretieren. Schimmernde, nahezu sphärenhafte Klangteppiche wechselten sich mit kraftvollen Fortissimo-Passagen ab, die die Stimmen vom Sopran bis zum Bass auf immer wieder überraschende und unerwartete Weise miteinander verwoben. Parallele Läufe lösten sich in für mit klassischer Musik verwöhnte Ohren "schräg" klingenden Harmonien auf. Dabei gelang es Mause stets perfekt, mit dem Chor mittels exakten und fein akzentuierten Dirigats die musikalischen Klippen und Untiefen der Komposition zu meistern und zu einem außergewöhnlichen Erlebnis für das gespannte Publikum zu formen.

 

Die Mitglieder der Band, allen voran Thomas Gabriel, wirkten extrem entspannt und beherrschten das Stück perfekt. Die Leichtigkeit und Lebendigkeit, mit der die Instrumente durch die immer wieder synkopischen, rhythmisch außergewöhnlichen Notenbilder geführt wurden, überzeugte auch den letzten Skeptiker. Jeweils ein Meister seines Faches, nutzte jeder Interpret die Möglichkeiten der Dynamik und musikalischen Intensität, die diese Jazz-Komposition bietet.

 

Nicht zuletzt war Marina Herrman die solistische Offenbarung des Abends. Ihre warme, schmeichelnde und zugleich kraftvolle, aber niemals drängende Stimme flog förmlich über die Noten und formte sie zu einem individuell interpretierten Gesamtkunstwerk, das sich perfekt mit den Instrumenten und dem Chor zu einer musikalisch nahezu vibrierenden Einheit verband.

©Steffi Keilig

 

Der ehemalige Propst und jetzige Prälat Bernd Böttner war extra nach Hanau gekommen, um dieses Ereignis mit Lesungen zwischen den einzelnen Messeteilen nicht nur zu verbinden, sondern ihnen eine weitere farbige Facette zu geben. Emotional, aktuell, nachdenklich. Die Texte werden kaum einen Besucher nicht berührt haben. Ein gelungener und würdevoller Abschluss der 200-Jahr-Feierlichkeiten der Hanauer Union.

©Steffi Keilig

 

Die Mass in Blue in der Marienkirche, ein Erlebnis der besonderen Art, das, kaum dass der letzte kraftvolle Ton verhallt war, mit Standing Ovations, aufbrausendem Applaus und lauten Begeisterungsrufen des Publikums belohnt wurde. Ein Auftritt, der es verdient hat, wiederholt zu werden – wobei gerade im Jazz Wiederholungen kaum möglich sind. Es gilt unter anderem die spontane Interpretation. Und die ist jedes Mal neu. Man darf also gespannt sein!

 

WFG

 

 

Das Werk

Will Todd stammt aus der Grafschaft Durham, wo er von klein auf in einem Kirchenchor sang und sich mit vielen Veranstaltungen der Messen von Palestrina bis Haydn vertraut machte. Er studierte Musik an der Universität von Bristol und etablierte sich mit einer Reihe von Werken als Komponist in der klassischen Tradition.

 

Er gesteht, als Musiker ein Doppelleben geführt zu haben. Auf der einen Seite war er durchdrungen von klassischer Musik und der anspruchsvollen Disziplin des Singens oder des Spielens der geschriebenen Noten. Auf der anderen Seite liebte er es, am Klavier zu improvisieren und mit Freunden Jazz zu spielen. Der Vorschlag, eine Messe in einer Jazzsprache niederzuschreiben, stammte von David Temple, dem Dirigenten des Hertfordshire Chorus, der von Todds „anderem“ Leben als Jazzmusiker wusste.

 

Die 2003 entstandene Mass in Blue war ein sofortiger Erfolg bei Chören und Zuschauern. Über einhundert Aufführungen machten das Werk mittlerweile zu einem festen Bestandteil des Chorrepertoires. Es handelt sich um eine dynamische, erhebende und hoch populäre Jazz-Fassung der lateinischen Messe. Sie besticht durch treibende Grooves, Bluesharmonien und erhebende Momente des musikalischen Zusammenspiels zwischen Sopransolistin und Chor. Der Komponist schreibt über sein Werk: „Ich brauchte eine Weile, bis ich meinen Zugang zum Stück gefunden hatte und wusste, was ich ausdrücken wollte. Schließlich waren es der alte gregorianische Gesang und der 12-taktige Blues, die mir den Weg aufzeigten. Seit der ersten Aufführung der Mass in Blue im Jahr 2003 bin ich immer wieder begeistert und dankbar zu erleben, wie das Werk immer populärer wird und im gesamten Vereinigten Königreich, und mehr und mehr auch darüber hinaus, aufgeführt wird …“.

 

Die Hanauer Kantorei beschäftigte sich einige Monate lang mit dem Werk und hat sich vom 7. bis 9. September 2018 für ein Probenwochenende nach Arnoldshain im Taunus begeben, um die zum Teil außergewöhnliche Rhythmik, die ungewohnten Harmonien und die sehr jazzbetonten Passagen intensiv einzustudieren. Im Laufe der dreitägigen Probenarbeit entwickelte sich die Kantorei, die sonst eher die klassischen Oratorien konzertiert, zu einem swingenden Jazz-Pop-Chor, dem es riesigen Spaß gemacht hat, sich in die moderne und ungewohnte Rhythmik und die außergewöhnliche Harmonie des Stückes zu vertiefen. Nachdem die Sängerinnen und Sänger auch in den Pausen zwischen den Übungseinheiten die Melodien vor sich hinsangen, kann davon ausgegangen werden, dass die „Mass in Blue“ beim Chor gewonnen hat. Das Stück gehört mittlerweile bei vielen Chören weltweit zum festen Repertoire.

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